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Dienstag, 22. Januar 2013

Wie ich Frieden mit Goethe schloss

-oder Die Leiden des jungen Werther


Die Leiden des jungen Werther war die einzige Schullektüre für den Deutschunterricht, die ich nie ganz gelesen habe- und an die ich mich noch beinahe 10 Jahre später nur schaudernd zurückerinnert habe.

Nach dem Abitur landete auf einer Gartenparty etwa ein Dutzend Werther auf dem Grill und wurde feierlich verbrannt.
Mein Exemplar habe ich zwar nicht dazugelegt, weil ich trotz allem die Bücherverbrennung nicht gutheißen kann. Ein gewisses Maß an Verständnis konnte ich allerdings damals nicht verhehlen.
Ach Goethe, was war das für eine Quälerei!
Die Erwähnung des Namens Goethe entlockte mir bis heute trotz Germanistikstudiums und bei aller Liebe zur Literatur bloß ein resigniertes bis schuldbewusstes Aufseufzen.



'Noch einmal wagst du, vielbeweinter Schatten, Hervor dich an das Tageslicht...'

Über ein Jahrzehnt nach der Lektüre liege ich nachts wach im Bett, mit dem iPhone in der Hand und teste mal aus, was die ebooks so können. Damit M. ausnahmsweise mal im Dunkeln einschlafen kann und nicht im Licht einer Leselampe. Und siehe da - Der Werther kostet nichts!
 
Und was soll ich sagen? Ich bin begeistert!
Worum geht es also in Kürze? Werther kommt in das kleine Dorf Wahlheim und verliebt sich in Lotte. Sie ist jedoch schon einem anderen versprochen, Albert. Und bei allem Übel stellt sich der Konkurrent auch noch als recht sympathischer, wenn auch spießiger Zeitgenosse heraus. Werther bleibt nichts anderes übrig, und ich denke da wird hier nicht zuviel verraten, als den Freitod zu wählen.

Es ist fast schon paradox, den Werther als altbacken, spießig, langweilig oder verstaubt zu bezeichnen. Zeitgenössische Kritiker fanden dieses Werk ebenso rebellisch wie revolutionär und das aus guten Gründen. Wer sich einmal auf den Stil eingelassen hat (über den, großartig wie er ist, an anderen Stellen schon genug geschrieben wurde), findet in Die Leiden des jungen Werther ein Buch voller Leben, Energie und Tatendrang, Euphorie und Liebe.
Fast atemlos schreibt Werther sich in diesem Briefroman seine Gefühle vom Herzen, stammelt und strauchelt manches Mal durch die Worte, die seine Seele derart bewegen, verlässt den Schreibtisch mitten im Satz--



Mit diesem Werk begründete der 24- jährige Goethe im Jahr 1774 seinen internationalen Erfolg und wurde zu einer Art Popstar des Sturm und Drang.
Zahllose Jugendliche nahmen sich den Kleidungsstil des Werther zum Vorbild -und manchmal auch das Leben. Der empfindsame wie melancholische Jugendliche im Werther-Outfit war der Hipster des 18. Jahrhunderts. Man trug die Tracht als Zeichen seiner Haltung gegen alles Bürgerliche und der Ausdruck "Herr Albert" wurde zum Schimpfwort für all diejenigen, die der gesellschaftlichen Norm allzusehr entsprachen*. Dazu kam eine wahre Merchandise Industrie auf, die Werther-Fanartikel auf den Markt warf. Neben der Mode (blauer Frack, gelbe Weste, grauer Filzhut, Lederhose) gab es das Parfum "Eau de Werther", bedruckte Fächer, allerlei Nippes und mit Werther-Szenen bedrucktes Geschirr (-> Hier).

Denjenigen, die auch ihren Frieden mit Goethe schließen wollen oder einfach einen tollten Film sehen möchten, sei der Film Goethe! ans Herz gelegt, in dem die Liebesgeschichte zwischen Goethe und Charlotte Buff erzählt wird- und ganz nebenbei die Entstehungsgeschichte der "Leiden des jungen Werther".




*vgl. Schmitz, Rainer: Was geschah mit Schillers Schädel?. Frankfurt: Eichborn, 2006.